Fürs Leben gelernt: Diskussion mit Bundes­tags­kandi­daten

Ob alles, was man in der Schule lernt, fürs Leben wichtig ist, sei strittig, befand Schülersprecher Fynn Fröhlich (Q1) zu Beginn des Vormittags. Die kommende Podiumsdiskussion aber sei auf jeden Fall eine Veranstaltung, die auf das Leben außerhalb der Schule vorbereite. Schülervertretung und JUZE hatten für den 11. Juli 2017 Bundestagskandidatinnen und -kandidaten aller größeren Parteien zu einer Podiumsdiskussion in die Aula eingeladen. Dort konnten sie vor Schülerinnen und Schülern der EF, der Q1 und der 8a ihre Positionen darlegen und diskutieren. EF und Q1 hatten im Voraus drei Themen gewählt, die sie am meisten interessierten: Außenpolitik, Innere Sicherheit und Drogenpolitik.

Podiumsdiskussion

Die Aula ist der Ort der gemeinsamen Podiumsdiskussion von SV und JUZE (mehr Fotos gibt es in in dieser Galerie).

So wie Fynn zu Beginn die Hoffnung geäußert hatte, das „richtige Leben“ in die Schule zu holen, wurde die Diskussion im wahrsten Sinne des Wortes „lebendig“. Fynn Fröhlich (Q1), Sven Krämer (Q1), Julica Müller (EF) und Greta Wette (EF) zeigten sich als Moderatorinnen und Moderatoren so gut vorbereitet und so schlagfertig, dass es ihnen keine Probleme bereitete, auch einmal einem gestandenen Politiker ins Wort zu fallen oder kritische Rückfragen zu stellen. Die Vorstellungsrunde zeigte, wie verschieden Wege in die Politik sein können. Maik Außendorf (Grüne, Direktkandidat Rhein-Berg) und Reinhard (Houben, Landesliste NRW) haben sich als Schüler bereits in der SV engagiert. Prof. Dr. Harald Weyel (AfD) hingegen stellte klar, dass er in den ersten 50 Jahren seines Lebens „nichts mit Politik zu tun haben“ wollte und wegen des Themas „Europa“ in die Politik gekommen sei. Dr. Hermann-Josef Tebroke (CDU, Direktkandidat Rhein-Berg), Nikolaus Kleine (SPD, Direktkandidat Rhein Berg) und Thomas Joachim Klein (Linke, Landtagskandidat 2017) haben den Zugang zur Politik über kommunale Fragen gefunden.

Hier kann man die Podiumsdiskussion in voller Länge ansehen (Video: Linus M.).

Inhaltlich zeigten sich wohl die deutlichsten Differenzen bei den Themen „Europa“ und „Außenpolitik“, und zwar zwischen der AfD und allen anderen Parteien. Weyel (AfD) bezeichnete die G20 als „reine PR“ und erklärte zur EU, was ein Land alleine nicht hinbekomme, bekäme ein Verbund von Ländern erst recht nicht hin. Houben (FDP) unterstrich hingegen die Wichtigkeit der G20-Gipfel und meinte, es sei ihm lieber, die Staatsmänner würden „mit- als übereinander reden“, und zwar unabhängig davon, ob einem "die aktuell regierenden Politiker gefallen oder nicht". Tebroke verteidigte die Europäische Union nicht nur in ihrer Bedeutung als „Friedensgemeinschaft“, sondern unterstrich auch den Mehrwert übernationaler Zusammenarbeit und die Bedeutung der europäischen „Wertegemeinschaft“.

Podiumsdiskussion

Thomas Joachim Klein (Linke), Maik Außendorf (Grüne), Fynn Fröhlich und Sven Krämer (beide SV)

Podiumsdiskussion

Nikolaus Kleine (SPD) und Dr. Hermann Josef Tebroke (CSU)

Bei der Inneren Sicherheit formierte sich eine grün-gelbe Koalition. Außendorf (Grüne) und Houben (FDP) lehnten den Staatstrojaner ab, der unter anderem eine deutlich weitreichendere Überwachung des Kurznachrichtendienstes WhatsApp vorsieht. Damit griffen sie von beiden Seiten die Vertreter der Großen Koalition an, die mit Kleine (SPD) und Tebroke (CDU) auf dem mittleren Sofa Platz gefunden hatten. Beim Thema „Drogenpolitik“ gaben einige Diskutanten mitunter recht amüsante Einblick in ihre eigenen eher harmlosen „Drogenkarriere“, widmeten sich aber dem von den Schülerinnen und Schülern gewählten Thema mit der gebotenen Ernsthaftigkeit. Rasch formierte sich hier eine „Übergroße“ Koalition für die Legalisierung von Marihuana, der sich alle Politiker außer dem CDU-Vertreter anschlossen. Tebroke äußerte die Sorge, die Legalisierung würde zu einer Verharmlosung führen. Wichtiger sei es, verstärkt auf Prävention zu setzen. Die Vertreter der anderen Parteien betonten hingegen die Vorzüge einer Legalisierung: Alkohol und Nikotin seien deutlich gefährlicher als Marihuana (Klein, Linke). Das Verbot kriminalisiere eine eine weit verbreitete Praxis und verhindere „sprudelnde Steuereinnahmen“ aus einem legalen Marihuana -Verkauf (Außendorf, Grüne). Die Frage, weiche Drogen zu nehmen, sei die Entscheidung des Einzelnen (Kleine, SPD). Außerdem könne nur eine Legalisierung bessere Qualitätsstandards garantieren (Houben, FDP).

Podiumsdiskussion

Greta Wette, Julica Müller (beide SV), Reinhard  Houben (FDP) und Prof. Harald Weyel (AfD)

Podiumsdiskussion

Mehr Fotos gibt es in dieser Bildergalerie.

Auch die Politikstile, die man bei den sechs Kandidaten beobachten konnte, hätten unterschiedlicher nicht sein können. Während Kleine (SPD) seinen Nebenerwerb als Kabarettist nicht verbergen konnte und mit seiner lockeren Art das Publikum oft zum Lachen brachte, präsentierte sich Tebroke (CDU), Landrat im Rheinisch-Bergischen Kreis, eher nüchtern und seriös. Außendorf (Grüne) und Houben (FDP) wirkten sehr sachorientiert, Außendorf etwas konsensorientierter, Houben etwas streitlustiger. Prof. Weyel wurde bisweilen pathetisch und argumentierte vor einem breiten historischen Hintergrund, wohingegen sich Thomas Joachim Klein (Linke) in seinem roten Partei-Shirt locker und unkonventionell gab.

Und so konnte man, wie angekündigt, viel für das „richtige Leben“ lernen, und zwar nicht nur über die Positionen der Parteien. Man konnte lernen, dass 16- und 17-Jährige durchaus in der Lage sind, erfahrende Politiker mit kritischen Nachfragen aus der Reserve zu locken. Man konnte lernen, dass Bundestagskandidaten keine blassen Parteivertreter sind, sondern Menschen mit ganz eigenen Persönlichkeiten, Herangehensweisen und Weltsichten, die bei der Wahlentscheidung mindestens so wichtig sein können wie die Programme ihrer Parteien. Und man konnte lernen, wie spannend Politik sein kann, wenn man sie aus nächster Nähe erleben darf.

Ch. Weiß

Fotos: M. Spurzem