Ganz nah am Großen Krieg: Ausstel­lung des Projekt­kurses zum Ersten Welt­krieg

Der Erste Weltkrieg hat vor 100 Jahren in Europa gewütet. Diese Jahreszahl, die einen schönen Anlass für Gedenkreden und feierliche Trauerzeremonien bietet, stellte den Projektkurs Geschichte vor ein reales Problem. Wie sollte man einen Zugang zu dieser fernen Zeit gewinnen, wenn kein bewusster Zeitzeuge mehr am Leben ist, wenn regionale Quellen nicht gerade sprudeln und in einer Schrift – Fraktur und Kurrent – verfasst sind, die der Smartphone-Generation wie Hieroglyphen erscheint?

Projektkurs Weltkrieg

Schülerinnen der Q1 führen durch ihre Ausstellung (mehr Bilder gibt es in dieser Galerie).

Doch die Schülerinnen und Schüler des Q1-Projektkurses haben, begleitet von Herrn Weiß, in ihr Thema „Auswirkungen des Ersten Weltkriegs auf unsere Region“ hineingefunden. Sie haben selbständig und mit Hilfe der Regionalpresse nach Quellen geforscht. Dabei haben sie den großartigen Feldpostkartenbestand von Olav und Sonja Bjerke aufgetan und Briefwechsel in den Archiven von Bergisch Gladbach und Leichlingen gefunden. Sie haben mit dem Geschichtsverein Rösrath einen lokal kompetenten Partner kennen gelernt, der ihnen unter anderem Zugang zum Bildarchiv des Hoffnungsthaler Fotografen Fritz Zapp gab. Sie haben Kriegerdenkmäler besucht, sich geduldig in die Frakturschrift der historischen Lokalzeitungen und in die Kurrentschrift der bergischen Schulchroniken eingelesen. Dabei haben sie entdeckt, dass der Erste Weltkrieg für die Menschen in der rheinisch-bergischen Region kein ferner Krieg war, der irgendwo in Frankreich oder Russland tobte, sondern ein naher Krieg, der auch in der Heimat das Leben aller Menschen aus der Bahn warf.

Projektkurs Weltkrieg

Wöchentliche Ration an Kartoffeln und Steckrüben

Projektkurs Weltkrieg

Ein Teil der Feldpostkarten-Sammlung von Olav und Sonja Bjerke

Zu Schuljahresende, vom 5. bis 7. Juli 2017, präsentierten die Schülerinnen und Schüler ihre Erkenntnisse in der Ausstellung „Der Große Krieg ganz nah: Der Erste Weltkrieg im Rheinisch-Bergischen“. Dort konnten die Besucherinnen und Besucher an einer Zeitleiste und sechs Stationen erfahren, wie sehr der Krieg in das Leben der Menschen eingegriffen hatte. Vor einem Plakat zur Versorgung zeigten 2 kg Kartoffeln und 3 kg Steckrüben, wie wenig die Menschen im „Hungerwinter“ 1916/17 in einer Woche zu essen bekamen. Zwei Plakate zum Alltag zeigten, dass der Krieg den Menschen auf Tritt und Schritt begegnete. Die Kinder mussten sogar aufs Drachensteigen verzichten, da hysterische Bürger das Spielzeug für feindliche Flieger hielten. Ein Plakat zu „Liebe und Trennung“ zeichnete u.a. anhand der Postkarten-Korrespondenz von Max Oberhäuser und Berta Breideneichen nach, wie junge Paare ihre Beziehungen durch die Kriegszeit retteten.

Projektkurs Weltkrieg

Die Rösrather Schulchronik berichtet von "Kälte-Frei"

Projektkurs Weltkrieg

Der Projektkurs in seiner Ausstellung (mehr Bilder)

Projektkurs Weltkrieg

Eine Felpostkarte aus der Sammlung Bjerke

Im Bereich „Kriegsbereitschaft und Friedenssehsucht“ stellte die Ausstellung dar, dass zwar 1914 noch viele Stimmen den Krieg enthusiastisch begrüßten, diese aber während der Kriegsjahre verstummten. So berichtete eine Rösratherin, dass es an Silvester 1916/17 keine Feiern gab: „Nur ein einziger Gedanke beherrschte alle: Frieden.“ Ein weiteres Plakat zeichnete die Kriegszeit zweier junger Männer aus dem Bergischen nach, die dank des Krieges verschiedene Länder Europas von Frankreich bis zur Ukraine aus der Besatzerperspektive kennen lernten. Abschließend zeigte die Ausstellung anhand von drei ausgewählten Kriegerdenkmälern, wie die Menschen im Bergischen Sterben und Verlust nach dem Krieg verarbeiteten. Neben religiösen Motiven gab es auch Symbole von Nationalismus und Sieg, die darauf hindeuteten, dass viele Menschen die Niederlage im Krieg nicht verarbeitetet haben.

Da die Schülerinnen und Schüler der Q1 ihr Thema so anschaulich ausgestellt und erklärt haben, wurde der Erste Weltkrieg auch für die Besucherinnen und Besucher ein "naher" Krieg. Zugleich aber blieb die Zeit des Kriege fern und oft unverständlich. Staunend standen die Besucherinnen und Besucher vor Feldpostkarten und Bildern mit schwarz-weiß-roten Flaggen, Pickelhauben tragenden Liebhabern und Kaiserporträts. „Das wäre so,“ erklärte eine der Führungsreferentinnen aus der Q1 einer Klasse, „als würde ich auf Instagram Angela Merkel in meine Fotos einfügen.“ Bei allem Respekt vor der Bundeskanzlerin – eine befremdliche Vorstellung.

Ch. Weiß