Über sich hinausgewachsen – Kultur vom Stein

Schulische Kultur-Events haben einen ganz besonderen Zauber. Man besucht sie nicht unbedingt, weil man künstlerische Leistungen von Weltrang sucht – wenngleich Kultur vom Stein hier seit Jahren hohe Maßstäbe setzt. Ihr besonderer Charme liegt darin, dass dort Menschen, die man aus dem Alltag kennt, als Freundinnen, Freunde, Geschwister, Kinder, Enkel, Schülerinnen und Schüler, vor den Augen der erstaunten Schulöffentlichkeit Talente zeigen, die im Alltag meist verborgen sind. Sie sind Orte, an denen junge Menschen über sich hinauswachsen.

Der Literaturkurs inszeniert eine Szenenkollage zu Wedekinds Frühlingserwachen

Der Literaturkurs inszeniert eine Szenenkollage zu Wedekinds Frühlingserwachen. Mehr Bilder gibt es in dieser Galerie.

Im ersten Akt brachte der Literaturkurs, den Frau Schoger leitete, eine Szenenkollage aus Frank Wedekinds Frühlingserwachen auf die Bühne. Auch wenn der Stoff den Schauspielerinnen und Schauspielern vertraut war – es geht um Leistungsdruck, jugendliche Sinnsuche und Liebesfragen –, bot die Inszenierung der knapp 125 Jahre alten „Kindertragödie“ eine Herausforderung. Nicht nur haben sich die konkreten Lebensverhältnisse der Jugendlichen seit dem Kaiserreich geändert. Auch Wedekinds bedeutungsschwere Sprache unterscheidet sich vom Sprachduktus der Jugendlichen von 2019.

Beide Herausforderungen haben die Schauspielerinnen und Schauspieler sehr überzeugend gemeistert. Sie haben Frühlingserwachen mit modernen Bühnenmitteln inszeniert und seine aktuelle Relevanz herausgestellt, ohne den Respekt vor dem Klassiker je vermissen zu lassen. Die Szene, in der Wendla Bergmann (Cosima Fink, Fiona Hörnschemeyer, Lea Luhr) mit ihrer Mutter (Hannah Pluskwa) über die Freizügigkeit eines Kleides diskutiert, könnte sich heute nicht mehr genau so abspielen. Der Konflikt aber, der ihr zugrunde liegt, hat nichts von seiner Aktualität eingebüßt.

Wendla Bergmann tröstet Melchior (Cosimo Ponzetta).

Wendla Bergmann tröstet Melchior (Cosimo Ponzetta).

Der Literaturkurs inszeniert eine Szenenkollage zu Wedekinds Frühlingserwachen

Die Schauspielerinnen und Schauspieler machten die Spannung zwischen den jugendlichen Träumen von Freundschaft, Liebe und Selbstverwirklichung und dem düsteren Gang des Dramas greifbar, das auf den Selbstmord des Gymnasiasten Moritz Stiefel (gespielt von Moritz Kenji Mörs) hinläuft. Schauspielerisch und sprachlich haben sie sich im Stück über ihre Alltagsgesten und -sprache hinausgehoben, um die universale Botschaft des Stückes mit einer Theatralik und Wortgewalt zu transportieren, die das Publikum in Staunen versetzte.

Der Beginn des zweiten Teils verknüpfte das Dramatische mit dem Musikalischen. Die Schülerinnen und Schüler des Musik-Bewegung-Tanz-Kurses der Stufe 9, den Herr Bechtel leitete, brachten den Saal mit einer Stomp-Version in Stimmung, indem sie ein ganzes Stück nur mit dem Geräusch von Besen füllten. Dass Körpergröße nichts mit musikalischer Größe zu tun hat, zeigten die Young Voices eindrucksvoll. Unter der Leitung von Frau Zimmermann entführten sie ihr Publikum mit „Shotgun“ an die US-Westküste und mit „On Goes the River“ in die Südstaaten. Mit „WhatsApper“, einer Parodie auf den „Here Comes the Hotstepper“, nahmen die Young Voices ihre eigenen Social-Media-Gewohnheiten aufs Korn und begeisterten das Publikum mit einer besonders gekonnten Performance.

Der MBT-Kurs musiziert mit Besen (mehr Bilder).

Der MBT-Kurs musiziert mit Besen (mehr Bilder).

Die FvS Young Voices parodieren die WhatsApp-Manie.

Die FvS Young Voices parodieren die WhatsApp-Manie.

Auch die Voices, die ebenfalls von Frau Zimmermann geleitet wurden, zeigten, wie sie sich musikalisch weiterentwickelt hatten. Am sichtbarsten wurde dies im deutlich gesteigerten Anteil von jungen Männern. Aber auch davon abgesehen merkte man dem Chor an, dass er sich neue Klangfarben erarbeitet hatte, und zwar sowohl beim dynamischen Song „Cheap Thrills“ als auch beim nachdenklichen Lied „Remember Me“ (Solo: Sonia Jones), das die Geschichte einer Demenzerkrankung nacherzählt. Beim Duett von Lioba Cremer und Lisanne Dirla hielt das Publikum den Atem an, so gefühlvoll sangen die beiden „Rewrite the Stars“ aus „The Greatest Showman“.

Die FvS Voices beeindrucken mit vielen Klangfarben.

Die FvS Voices beeindrucken mit vielen Klangfarben (mehr Bilder).

Lioba und Lisanne singen "Rewrite the Stars"

Lioba und Lisanne singen "Rewrite the Stars".

Die Big Band setzte unter der Leitung von Herrn Bechtel die musikalische Reise der Young Voices fort und brachte mit „St. Thomas“ karibische Klänge in die Aula. Dann machte die Big Band Abstecher in die Welt des Swing. Sie spielte zusammen mit den Voices den Song „Blue Skies“ und begleitete Lioba Cremer und Karoline Schulz bei ihrer beeindruckenden Performance der „Mr. Zoot Suit“. Beim Blues-Song „Sweet Home Chicago“ und den anderen Band-Stücken verabschiedeten sich gleich fünf Bandmitglieder mit einem eigenen Solo von ihrem begeisterten schulischen Publikum, weil sie dieses Jahr Abitur machen. Da ist gut zu wissen, dass bei Kultur vom Stein junge Künstlerinnen und Künstler nicht nur während ihrer Schulzeit musikalisch reifen, sondern dass man hier auch sehen konnte, dass dieser Prozess nach dem Ende der Schulzeit weitergeht: Die Band Soul Stone, die sich aus Ehemaligen zusammensetzt, hatte dieses Jahr ihren ersten Schul-Auftritt und begeisterte das Publikum mit einem Funk-Cover von „Thank U, Next“ und mit Melody Gardots „Les Étoiles“.

Zum Finale kamen alle Künstlerinnen und Künstler zu einem Queen-Medley auf die Bühne, das „We will Rock You“, „We are the Champions“, „Another One Bites the Dust“ und „Bohemian Rapsody“ verband. All ihre Energie, all ihr Können und all ihre Kreativität hat eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass Kultur vom Stein eine ganz eigene Größe ist. Nicht oft hört sich Erwachsenwerden so gut an.

Text: Ch. Weiß

Fotos: Luca N., Noah F. (beide 9b) und Ferdinand K. (8b)

Die Big Band nimmt das Publikum in den 20er und 30er mit (mehr Bilder)

Die Big Band nimmt das Publikum in den 20er und 30er mit (mehr Bilder).

Marta Serhun singt als Frontfrau der neuen Ehemaligen-Band Soul Stone.

Marta Serhun singt als Frontfrau der neuen Ehemaligen-Band Soul Stone.